55 Jahre Bungalow in Mariendorf - Lichtenrade gratuliert

Ein ganz persönlicher Bericht von Ed Koch

 

Es gibt Berichte, die schreibt man einfach. Eben Routine. Und dann sind da ab und zu auch mal Themen, zu denen man einen ganz besonderen Bezug hat. Entschuldigen Sie bitte, wenn der Verfasser dieser Zeilen hier etwas sehr persönlich wird. Aber, es geht um den Bungalow. Und damit verbinden sich, rechnerisch gesagt, die ersten zehn von inzwischen fast 40 Dienstjahren beim Jugendamt Tempelhof bzw. ab 2001 Tempelhof-Schöneberg. Als ich zwischen 1967 und 1970 ehrenamtlich in der „Jugendtanzbar Bungalow" tätig war, wusste ich gar nicht, was ein Jugendamt ist. Meine Familie und ich haben es nie gebraucht. Im Bungalow wurde Musik gemacht und traten Bands aus ganz Berlin auf. Mit einer Band, den „Selected Four" (ich war die Nr. 5, der Manager) kam ich 1967 in den Flachbau am Mariendorfer Damm, und mein Leben vernahm einen anderen als den geplanten Verlauf. Der Bungalow war - würde man heute sagen - eine super coole angesagte Location. Wie wir die vielen hundert Jugendlichen in dem kleinen Gebäude bei den Tanzparties untergebracht haben, weiß ich bis heute nicht. Am Ende des Abends war der große Raum so durchgeschwitzt, dass man die Tapeten problemlos hätte von der Wand ziehen können.
Von 1970 bis 1980 war ich dann als Mitarbeiter der Jugendamtes Leiter des Bungalows und wusste immer noch nicht so richtig, wozu ein Jugendamt eigentlich da ist. Keine Angst, ich werde Sie nicht mit alten Geschichten langweilen. Im Anhang finden Sie eine PDF-Datei mit vielen historischen Anmerkungen zum Bungalow . Nur so viel: der Bungalow hat im Laufe von 55 Jahren immer wieder seinen Namen geändert: von Jugendfreizeitheim Mariendorf II, über Jugendtanz Bungalow, Galerie Bungalow, Jugendclub Bungalow bis Jugendfreizeitheim Bungalow. Fast möchte man sagen, es schließt sich der Kreis.
Vom Mariendorfer Damm 123 rückte er auf die Hausnummer 115 vor und wird 2010, wenn
alles klappt, bei der Nummer 117 gelandet sein. 1994 wurde der alte Bungalow abgerissen und machte einem Kita-Neubau Platz. Bis heute ist die Hausnummer 115 Domizil eines Containers, der sich über die Jahre recht ordentlich gehalten hat. Und nun wird ein Gebäude restauriert, das genau zwischen dem alten und jetzigen Standort liegt und früher als Kita diente. Den Namen Bungalow wird man wohl beibehalten (müssen), obwohl er sich dann erstmals in einem mehrstöckigen Haus befindet. Jede Phase der 55 Jahre war eine besondere. Die ersten Nachkriegsjahre, als es für Jugendliche kaum Alternativangebote gab. Dann die Zeit der Jugendtanzbar. Nicht mehr zu zählen, wie viele Amateurbands hier ihre ersten Auftritte hatten. Auch aus dem Radio bekannte Discjockeys waren im Bungalow zu Gast, so zum Beispiel Nero Brandenburg, zu dem auch heute noch ein freundschaftlicher Kontakt besteht.

Nicht verschwiegen werden darf jedoch, dass die Getränkeauswahl bei den Tanzveranstaltungen stark alkoholisiert war. Mein Gott, wie viele Kästen Bier pro Abend verbraucht
wurden. Das kann sich heute keine mehr vorstellen: Jugendarbeit mit einem (meist mehr) Bierchen. Heute saufen sich die Kids ins Koma, oft auf öffentlichem Straßenland. Damals saßen sie (kontrolliert) in einer Einrichtung des Jugendamtes, fielen allerdings nie ins Koma.
Nicht unerwähnt bleiben darf, dass es Anfang der siebziger Jahre immer schlimmer mit gewaltbereiten Jugendlichen wurde. Das führte letztlich zur Aufgabe der Jugendtanzbar
und zur Namensänderung in „Galerie Bungalow". Von nun an fanden Ausstellungen, Filmfestivals und Diskussionsrunden statt. 1976 wurde ein Pressedienst im Bungalow gegründet, dem wir die Angaben in der anhängenden PDF-Datei zu verdanken haben. Und es gab Sternstunden, beispielsweise die Diskussion zum Film „Die verlorene Ehre der Katharina Blum" mit Günter Grass. Politiker gaben sich die Klinke in die Hand. Niemand wollte es sich leisten, eine Einladung des Bungalows abzulehnen. Aber auch Showgrößen waren zu Gast. Der berühmte Quizmaster Hans Rosenthal trat gleich zweimal zu Diskussionsrunden im Bungalow an.
1980 gab es einen neune Schnitt hin zum Jugendclub Bungalow und später zum Jugendfreizeitheim Bungalow. 1993 wurde der vierzigste Geburtstag des Bungalows gefeiert.
Gleichzeitig ein Abschied. Der damalige Volksbildungsstadtrat von Tempelhof, Klaus Wowereit, hielt die Abschiedsrede. Es folgte der Abriss und 1994 der Einzug ins neue Gebäude, nennen wir es mal so, obwohl es „nur" ein Blechcontainer ist. Der Bungalow ist heute noch immer eine im Kiez stark verwurzelte Einrichtung, die eine hervorragende pädagogische Arbeit leistet. Und niemand freut sich mehr, als der Verfasser dieser Zeilen, dass der Bungalow bisher alles überstanden und vor allem eine Zukunft in einem neuen Gebäude hat.

Ich möchte diesen Beitrag genauso persönlich beenden, wie ich ihn begonnen habe: Alles Gute für die Zukunft, liebe Kolleginnen und Kollegen, und wie sagte einst der legendäre Nero Brandenburg: „Wo bist du happy und froh? Natürlich nur im Bungalow", möge es ewig so bleiben.

20.12.2008

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