Hans-Ulrich Schulz forscht in Mariendorf: Aus Freude am Forschen

Mit Hilfe von Belegen rekonstruiert ein Mariendorfer die Geschichte des Ortes.

Der Mariendorfer Hans-Ulrich Schulz (59) sammelt leidenschaftlich Belege, weil er die Geschichte vor der Vergessenheit bewahren will. Von Beruf ist der Philatelist, der sich der Post- und Heimatgeschichte verschrieben hat, Sozialarbeiter. Er arbeitet im Jugendamt Tempelhof-Schöneberg im Bereich der Jugendförderung, ist für die Kinder-, Jugend- und Straßensozialarbeit zuständig und stellt die Kommunikation zu den Schulen her.

Schulz widmet einen Gutteil seiner Freizeit der Post- und Heimatgeschichte. Die Postgeschichte, erklärt er, ist ein Teilgebiet der Philatelie.

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                             Hans-Ulrich Schulz (Foto: c Stephanus Parman)

„Mich interessiert die Geschichte hinter einem Beleg. Das kann eine Briefmarke, eine Postkarte oder gar so genannte Crash-Post sein. Bei Crash-Post handelt es sich unter anderem um angebrannte oder aus dem Meer geborgene Briefstücke, die beispielsweise beim Absturz eines Flugzeuges oder etwa dem Absturz des Luftschiffes Hindenburg  bei New York (1937) entstanden sein können. Schulz macht sich viel Arbeit, denn stets versucht er anhand der Belege die Post- mit der Zeitgeschichte zu verbinden. Auf diese Weise entstand etwa  Schulz letzter Aufsatz:  „Ein Brief erzählt Berliner Blockade Geschichte - Die Rolle Frankreichs im blockierten Berlin.“ Im vergangenen Jahr veröffentlichte er ein Katalog- und Handbuch der Berliner Blockade- und Luftbrückenbelege Berlin 1948/49 unter dem Titel „Im Zeichen der Luftbrücke“ im Verlag editio cortis aquilae ISBN 978-3-940842-58-9 (37.-€). 

Die Wurzel von Schulz` Sammlerleidenschaft und Faszination für Geschichte, reicht bis in seine frühe Kindheit. Seit 1895 oder seit gut vier Generationen lebt die Familie Schulz in Mariendorf. Der Großvater von Hans-Ulrich Schulz besaß im alten Mariendorf eine Bäckerei mit Konditorei und Café. Schulz war oft mit seinem Großvater unterwegs, wenn dieser die Backwaren auf einem Fahrrad mit Anhänger ausfuhr. Dann begleitete der Junge den Großvater  auf dem Roller. Eine Route, nämlich die zu den Kolonien, führte zum Teil über ungepflasterte Straßen entlang der Britzer und Rixdorfer Straße und dem Hausstockweg. Durch die Fahrten quer durch Mariendorf beobachteten Großvater und Enkel die Veränderungen, die sich im Ortsbild im Laufe der Zeit vollzogen. Genau an diesem Punkt wuchs Schulz Interesse, Postkarten,  Ansichtskarten, Fotos und Dokumente zu sammeln, an denen sich die Veränderungen ablesen ließen.

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Im Laufe der Jahre wuchs Schulz Sammlung zu einer Größe, die nach Systematisierung verlangte.  „Bau doch mal eine Sammlung auf und schreib etwas für den Ausstellungskatalog zur Geschichte des Flughafens Tempelhof,“ ermunterte ihn Anfang der 80er Jahre der Vorsitzende des Briefmarkenvereins. „So wurde ich quasi gezwungen, mein Material zu systematisieren“, sagt Schulz und lächelt. Nebenbei wurden Lücken in der historischen Geschichtsschreibung offenbar. Grenzen sind für einen Sammler wie Schulz Ansporn dafür, sie zu überwinden. Entstanden ist so die Publikation „Der Zentralflughafen Tempelhof im II. Weltkrieg.“ Anhand von Abbildungen und Dokumenten wurde damit ein  bedeutendes Stück Geschichte der Region lebendig. Schulz schreibt aber nicht nur Artikel über die Post- und Heimatgeschichte, er hält er ebenso Vorträge in Briefmarkenvereinen.

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Was ihn am meisten an dieser Arbeit fasziniert, fragen wir Schulz: „Die Geschichte wieder lebendig werden zu lassen und vor der Vergessenheit zu bewahren. Das ist mein Hauptanliegen, in unserer globalisierten und schnellelebigen Zeit.“ Insofern freut  sich Schulz   als Sammler, Hobbyhistoriker und Sozialarbeiter im Jugendamt, über Projekte wie „Historische Spurensuche in Mariendorf“. Dabei entdecken Kinder und Jugendliche ihren Ort, indem sie im Museum, in Büchern und im Internet recherchieren oder Zeitzeugen befragen, um später historische Stätten vor Ort aufzusuchen. So wurden im vergangenen Jahr  die Dorfkirche, die Martin-Luther-Gedächtniskirche, der Volkspark, das Ullsteinhaus sowie weitere relevante Orte und Plätze besucht, Streifzüge durch den Ortsteil unternommen, über die Namensgebungen und -änderungen der Straßen und Schulen geforscht und alte Bezirkskarten ausgewertet. Schulz findet, dass die Kinder und Jugendlichen dadurch eine Möglichkeit zur Verortung in der globalen Welt finden. Dies sei umso dringlicher, da Mariendorf leider wenig Geschichtsbewusstsein habe, betont er.

Schulz jedenfalls hinterlässt Spuren im Ort. Im Heimatmuseum Alt-Mariendorf sind  Fotokopien seiner Dokumente über die Zeit von 1933-1945 zu sehen. Eine Besonderheit seiner Sammlung ist eine von insgesamt vier erhaltenen Postkarten eines KZ-Häftlings aus dem KZ-Columbiadamm. Es stand von 1933-1936 am Columbiadamm/Ecke Golßener Straße. 1936 wurde es aufgrund der Erweiterung des Flughafen Tempelhofs abgerissen. „Die letzten Insassen des KZs  wurden gezwungen, das KZ  Sachsenhausen aufzubauen“, weiß er anhand von Belegen. Dass es am Columbiadamm ein KZ gab, ist erst in den 80er Jahren wieder ins Bewusstsein gerufen worden. An diese Geschichte erinnert das Buch „Erinnern und nicht vergessen“, verfasst von Kurt Schilde, zu dem Schulz ebenfalls Dokumente beisteuerte.

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Schulz jedenfalls sammelt nicht für sich, sondern stellt seine Dokumente immer der Öffentlichkeit zur Verfügung. So finden sich viele seiner Exponate im Buch „Berlin- Tempelhof“ von Sabine Kaldemorgen (Sutton-Verlag). Geschichten hinter Belegen wieder lebendig werden zu lassen, weiß jeder Historiker, ist eine Sysiphos-Arbeit. Um sie zu bewältigen, braucht man einen besonderen Antrieb. Bei Schulz ist es die Freude am Forschen. Sie hält ihn auf Trab. So besucht er Flohmärkte, Börsen und Auktionen und forscht im World Wide Web. „Manchmal denkt man, das kriegst du nie, und dann hilft einem der Zufall“, sagt Schulz und weist auf seine stolze Sammlung hin.  Sie umfasst etwa 15 Sachgebiete.

Billig ist das Hobby nicht. Denn allein eine Ansichtskarte des Bezirks kostet etwa 20 bis 50 Euro, beispielsweise eine Karte vom Mariendorfer Damm und seinen Seitenstraßen. Das darf einen nicht wundern, schließlich wurden in der Blütezeit der Postkarte um 1900 etwa Auflagen von 1000 Stück produziert, und die wurden dann von Mariendorf aus in die ganze Welt verschickt.

Stephanus Parmann

Für die Überlassung des Berichtes möchte ich mich herzlich bei Stephanus Parmann bedanken.
Postkarten: U. Schulz

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