BRACHLAND. Geschichten vom Nichts

Die Neuköllner Oper erzählt Geschichten vom Nichts und der Veränderung der Städte

Ein Bericht von Thomas Moser –BerLi-Press-

Berlin-Neukölln, 26. August 2010 Das neue Musikstück „BRACHLAND. Geschichten vom Nichts“, in der Berlin-Trilogie der Neuköllner Oper und des Ensembles „leitundlause“, erzählt von der Landflucht in zwei Richtungen. Der Flucht vom Land in die Großstadt und die umgekehrte Flucht aus der Mitte des neuen zugebauten und perfekt gestyltem Berlin, hin zu den Dörfern im Umland der Großstadt. „Die Ideologie des permanenten Wachstums weicht einer Kunst des Schrumpfens“ heißt es zur inhaltlichen Kernaussage des Programms.
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BRACHLAND soll, nach den „Geschichten aus dem Plänterwald“ und „Referentinnen. Geschichten aus der zweiten Reihe“, das Schlüsselstück in der Berlin-Trilogie sein. Ob dieses Stück in der Publikumsgunst diesen Stellenwert erhält, bleibt jedoch abzuwarten. „Diesmal wird die Entwicklung von Stadt und Land und das Leben nach dem Ende der Wachstumsgesellschaft unter die musiktheatrale Lupe genommen“, kann man in der Ankündigung des Musicaltheaters lesen.

BRACHLAND ist ein Stück von Matthias Rebstock, der sich auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnet, und Tilman Rammstedt. Von Michael Emanuel Bauer kommt die Musik für dieses Musiktheater. Dazu wird im Pressetext ausgeführt: „Die Musik setzt an der romantischen Naturauffassung, die schon immer eine Projektion der Städter war, an und spannt von hier aus einen weiten Bogen, vom Pionierhaften in der Musik von Charles Ives und Morton Feldman über die musikalische Rhetorik des Neuen, etwa in der ‚Sinfonie aus der Neuen Welt’ oder der Werbemusik der 60er Jahre, bis hin zur Musik deutscher Westernfilme und neu arrangierter Songs.“

Im Mittelpunkt des Abends ist eine Gruppe von städtischen „Raumpionieren“, die auf dem Land Projekte verwirklichen wollen. Die Spezialistinnen für das Nichts suchen Ideen und Projekte, den Sinn der Lücke und den Sinn der Nicht-Lücke. Die Gruppe singt „Wir vermitteln Räume für Träume“ und wollen einen „Komplettservice für die Brache“ liefern. Die Flucht aus der Großstadt mit ihrer Hektik und Lautstärke, das ach so perfekte Leben mit Einkaufszentrum und Pflegeeinrichtungen, ist die Grundidee dieses Stückes. Die acht Performerinnen von leitundlause schlüpfen in unterschiedlichste Rollen, preisen als Maklerinnen Wohnprojekte an, agieren als Experten für Stadtplanung und ländliche Entwicklung, üben sich in Langeweile und Müßiggang, erfinden Projekte über Projekte und begeben sich so auf die Suche nach dem Modell für ein neues Leben. So spricht das Stück von Re-Naturisierung und vom Entsiegeln von Flächen. Es wird der Weg vom Wachstum zu intelligentem Schrumpfen, wenn es sein muss auch mit Fördermitteln, gesucht. „Weit weg, wir kommen nicht mehr zurück“ ist dann der Wunsch der Powerfrauen in der Provinz.

Die manchmal etwas langen und langsamen Text- und Nichttextpassagen, offensichtlich soll so auch Brache und Landleben dargestellt werden, sind bei dem Pausenlosen 2 Stunden-Stück manchmal etwas ausgeprägt (jedenfalls nach dem Eindruck des Verfassers dieses Artikels). Das Ensemble „leidundlause“, vom Begründer Mathias Rebstock, stellt den Wechsel der Empfindungen auf der Bühne der Neuköllner Oper vor einer animierten Leinwand dar. Hier wird der Eindruck für die Umgebung mit Fotos und Filmen, in einer angenehmen und nicht aufdringlichen Art, unterstützt. Beeindruckend ist dann auch, wie im Bühnenbild mit großen offenen Holzkisten abwechslungsreiches Theater präsentiert wurde.

Das Ensemble begeisterte schon bei ihren anderen Auftritten und präsentiert ihre Künste gekonnt zwischen Musik und Theater. Da die Akteure zum Teil Musikerinnen (zwei männliche Bläser will ich nicht verschweigen), zum Teil Schauspielerinnen und teilweise auch in beiden Disziplinen ausgebildet sind, sind die Grenzen der Künste der Gruppe fließend. Auf der anderen Seite wurde es wunderbar verstanden, die Stärken der einzelnen künstlerischen „Zünfte“ im guten Licht erscheinen zu lassen. So begeistern einzelne Frauen mit perfektem Schauspiel, andere verzaubern mit ihrem klassischen Gesang. Zwischen den gespielten Passagen werden immer kleine, von Bläsern meist melodisch intonierte Lieder dargeboten. Diese schönen Musikeinlagen grenzen dann auch die Szenen voneinander ab. Im Verlaufe des Abends verschwimmen diese Grenzen dann. In diesem Stück gibt es auch wieder, in einer bezaubernden Art, kleine Wortspielereien und Wortvariationen. Die Konzentration der Schauspieler ist dabei sicher besonders herausgefordert. Bei den teilweise skurrilen Wortgefechten amüsiert sich das Premierenpublikum besonders.

Die Zuschauer müssen schon tief in dieses Werk eintauchen, um für sich den inhaltlichen Zugang dann auch erfahrbar zu machen. Ob es gelingt, das Nichts und die Brache immer so erlebbar zu machen, bleibt abzuwarten und wird sicher sehr individuell beantwortet werden. Das tiefgründige Stück ist vermutlich nicht jedermanns Geschmack. Die sehr unterhaltsamen Musikparts und die rundum gute künstlerischen Leistung begeistern das Publikum aber zu jeder Zeit. Das Premierenpublikum war am Ende des Abends glücklich und hat heftig applaudiert. ToM–BerLi-Press- www.berli-press.de

 

Spieltermine: 26. und 28./29. August sowie 2.-5., 9.-12. und 16.-19. September 2010 um 20 Uhr

Bauhausbühne (Dessau – Roßlau): 1. und 2. Oktober 2010 um 20 Uhr

 

Karten:

Neuköllner Oper: 9-21 Euro, Vorbestellung unter 030 / 68 89 07 77 oder tickets@neukoellneroper.de sowie an allen bekannten Vorverkaufsstellen Bauhausbühne: 10, erm. 7 Euro, Vorbestellung unter 0340 / 6508 250 oder service@bauhaus-dessau.de

neuköllner operKarl-Marx-Str. 131-133 • 12043 Berlin • Tel: 030/68 89 07-0 • Fax: 030/68 89 07 89 • info@neukoellneroper.de www.neukoellneroper.de

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